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Frühjahrscheck

Dornröschenschlaf, ade!

Nicht ganz 100 Jahre schlafen unsere Maschinen, aber doch lange genug, dass ein magisches Küsschen und viel Liebe sie wieder zum Leben erwecken müssen. Was alles genau beachtet werden sollte, möchte ich euch mit diesem Artikel erklären. Dazu haben wir uns die Maschine von Alex angeschaut, eine CBR500X, also ein recht gängiges Modell. Der Frühjahrscheck wurde übrigens mit größerer Vorsicht durchgeführt als diese Ladungssicherheit…

Wenn wir ganz ehrlich sein sollten, werden dies wahrscheinlich die wenigstens getan haben, ich werde es aber der Vollständigkeit halber trotzdem erwähnen: Als erstes wird der ölige Lappen aus dem Auspuff entfernt, das Feinöl von Auspuff und Motorblock gründlich abgewischt. Ganz wichtig hierbei: auf Bremsscheiben, Fußrasten und Handhebel besonders achten, diese sollten komplett frei von Öl sein!

Wurde die Battrie abgeklemmt und in einem kühlen und trockenem Raum an einem Ladegerät überwintert, kann sie nun rausgeholt und angeschlossen werden. Dazu wird zuerst der PLUS-Pol, anschließend der MINUS-Pol angeschlossen, um Kurzschlüsse zu vermeiden (auch wenn die fliegenden Funken cool aussehen und man sich wie ein Badass fühlt!). Es empfiehlt sich außerdem etwas Polfett hinzuzugeben, um schlechte Kontakte durch Rost, Wasser oder sonstige Verschmutzungen vorzubeugen. Bei Säurebatterien wird der Entlüftungsschlauch so gelegt, dass er keinen Knick hat und die Flüssigkeit freien Fall zu Boden hat. Batteriesäure auf’m Moped ist uncool.

Wenn man faul ist wie ich (oder Alex), dann hat man die Batterie wahrscheinlich im Motorrad gelassen. Dabei kann man nur hoffen, das sie noch genug Saft hat, um das Motorrad zu starten. Wurden die Gebete erhöhrt, lässt man die Maschine erstmal laufen, um die Batterie wieder zu laden. Springt sie nicht an, lieber früher als später aufhören und die Batterie an ein Ladegerät anschließen, bevor sie tiefenentädt. Ist das Relais (klack, klack, klack) noch nicht mal mehr hörbar, siehts schlecht aus.

Bei Standart-Säurebatterien (a.k.a. Billig-Batterien) noch den Säurestand kontrollieren, ggf. neu nachfüllen.

Licht und Hupe auf Funktion überprüfen. Die Wenigsten von uns werden einen Lichtprüfer haben, da einfach nach Gefühl gehen, ob die Lampe noch genug Lichtausbeute hergibt, Alex’ Abblendlicht ist ein bisschen schwach auf der Brust. Im Zweifelsfall lieber ersetzen, sind nicht teuer, spätestens wenn man mal im Dunkeln fährt und man nicht mal sein Vorderrad vor Augen erkennt, wird man sich selbst vefluchen (weiß ich aus Erfahrung).

Gefahrenherd: Reifen! Viele unterschätzen die Gefahren, indem sie ihren Reifen überschätzen! Wenn man bedenkt, dass die Reifen die erste und einzige Verteidigungslinie zwischen Fahrer und Asphalt darstellt, sollte man Vorsicht walten lassen. Dazu unbedingt das Alter der Reifen überprüfen. Dies liest man an der Flanke ab in einem eingestanzten Feld. In diesem Falle ist es die 16. Kalenderwoche im Jahr 2013. Ist der Reifen über 10 Jahre alt: sofort wechseln! Die Weichmacher im Reifengummi haben sich dann soweit verflüchtigt, dass der Reifen nicht mehr in der Lage ist, sich zu verformen und den nötigen Grip auf die Straße zu bringen. Bei fortgeschrittenem Alter außerdem prüfen, ob der Reifen brüchig oder rissig ist. In diesem Beispiel ist der Reifen zwar erst 6 Jahre alt, wies aber schon einige Risse auf.

Reifenprofiltiefe ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Dabei sollte eine Mindestprofiltiefe von 1,6 mm nicht unterschritten werden, ab einer Profiltiefe von 2,0 mm kann man sich schonmal an die Recherche machen, wo man ein günstiges Angebot findet.

Beispiel Alex zeigt: es “geht” auch niediger, die Frage ist halt, wie viel Vertrauen ihr euren Reifen entgegenbringt, gerade bei Regen. Übrigens: bei ihm war mal ein Profil in der Mitte! Auch das Profil außen war bei 1,3 mm.

Des Weiteren war der Reifen sehr “eckig” gefahren, d.h. der Reifen hatte nicht mehr einen gleichmäßigen Radius, sondern hatte ein kleines Plateau in der Mitte. Dies passiert in der Regel bei langen und vielen Autobahnfarten oder häufigen geraden Arbeitswegen. Auch in diesem Fall Vorsicht walten lassen, das kann beträchtlich die Fahreigenschaften des Reifens beeinträchtigen.

Den Reifendruck prüfen. Obviously.

Ich muss, glaube ich, nicht erwähnen, dass Alex sich direkt nach neuen Reifen umgeschaut hat.

Gefahrenherd #2: Bremsen! Auch hier heißt, es besondere Vorsicht walten zu lassen. Mich persönlich interessiert weniger, ob die Zylinder dicht sind oder das Ventilspiel nicht optimal ist, solange ich anhalten kann, um es zu prüfen! Dabei kann man sich an den Richtwert von 2 Jahren halten, in dem die Bremsflüssigkeit gewechselt werden sollte. Grund dafür ist die unangenehme Eigenschaft dieser Flüssigkeit, Wasser zu ziehen. Dies kann nicht verindert werden, selbst in einem geschlossenen System wie das Bremssystem nicht. Nimmt die Bremsflüssigkeit zuviel Wasser auf, kann die gewohnte Bremswirkung nicht mehr gewährleistet werden. Außerdem schaut man sich die Bremsflüssigkeit im Schauglas an. Wird diese trüb (wie in diesem Fall), wird’s langsam Zeit zum wechseln.

Die Bremsklötze ebenfalls kontrollieren! Die Verschleißgrenze sieht man am kleinen “Kanal” am Rand, ist dieser nicht mehr Sichtbar: wechseln! Möchte man auf Nummer sicher gehen, kann man sich die Klötze anschauen und auf ungleichmäßigen Abrieb kontrollieren.

Auch hier gilt: es “geht” auch mit Wasser in der Leitung und abgefahrenen Klötzen, bremsen tut sie immer noch. Bereuen tut man es spätestens in der nächstbesten heiklen Situation. Trust is key.

Das “ausmotten” der Maschine bietet einen guten Rahmen für einen Öl- und Filterwechsel. Spätestens bei der Ölstandskontrolle sieht man den Zustand des Öles. Ist es schon schwarz und zäh, bietet sich der Wechsel nicht mehr nur an, sondern sollte gemacht werden. Die Ölkontrolle sieht bei jedem Motorrad/Hersteller allerdings anders aus, einige Stutzen müssen nur bis zum Gewinde gesteckt werden, andere müssen reingedreht werden. Auch das Motorrad selber muss mal auf dem Seitenständer stehen, mal aufrecht. Da am besten ans Werkstatthandbuch (falls vorhanden) oder an die allgemeine Bedienungsanleitung halten. Gemeinsam haben allerdings alle den Zustand, nämlich warm. Der Motor sollte 10 Minuten gelaufen sein, damit sich das Öl im ganzen Motor verteilen kann und so ein “realistisches” Fahrszenario kontrolliert wird und die Prüfung nicht verfälscht.

Bei einem Ölwechsel muss auch der Filter gewechselt werden, da der alte Filter das neue Öl in kürzester Zeit wieder verunreinigen würde. Auch den Kupferdichtungsring wechseln!

Die Antriebskette sollte gereinigt und neu geschmiert werden. Wenn man schonmal dabei ist, kann auch direkt die richtige Spannung und Lauf nachschauen. Auch hier haben die Hersteller i.d.R. eigene Methoden, generell ist der Modus Operandi allerdings oft ähnlich: Auf’s Moped setzen und an der tiefsten Stelle den Durchhang kontrollieren. Dieser sollte sich im Bereich von 3-4 cm bewegen. Das kann unter Umständen ein ziemlich akrobatischer Akt sein, eine helfende Hand ist immer gut, und wenn’s nur die Oma ist, die sich draufsetzt.

Bei Riemenantrieb auf Steinchen oder Sand kontrollieren, der Riemen selber sollte sauber sein. Bei Kardanfahrzeugen steht ein Ölcheck an.

 

Ein oft übersehenes Thema sind Gabelölsimmerringe. Diese halten die Gabelholme dicht und verhindern ein austreten des Öles. Sind sie nicht mehr dicht, kann Öl austreten und im worst case scenario auf die Bremsanlage tropfen. Meistens versauts einfach nur die Gabel. Also checken! Dazu einfach die Gabel ein paar Mal tief eintauchen, dabei kann direkt gecheckt werden, ob die dämpfer noch ordentlich ihren Job tun. Ruckelt es beim einfedern oder “federt” das Motorrad nach, stimmt was nicht. Nach dem einfedern schauen, ob ein frischer Ölfilm auf der Gabel zu sehen ist. Wenn ja, bietet es sich an, die Simmerringe zu wechseln, dabei kann auch direkt das Gabelöl gewechselt werden, ist aber kein Muss.

Bei modernen Motorrädern zwar nicht mehr so ein gängiges Problem, kann aber nicht schaden, nachzuschauen: Zündkerzen sollten alle 10k km, Papierluftfilter nach ca. 10k-18k km gewechselt werden. Da es sich hier nicht um lebenswichtige (zumindest nicht für den Fahrer) Komponenten handelt, hat man deutlich mehr Spielraum für diese Angaben. Sichtprüfung ist hier die Methode der Wahl. Kurz gesagt muss die Zündkerze(n) das berühmte “rehbraun” aufweisen. Lang gesagt sind Zündkerzen ein seperater Artikel wert, da es diesen den Rahmen sprengen würde.

 

Auspuffanlage auf Undichtigkeiten und festen Sitz prüfen. Gerade bei modernen Motorrädern können Undichtigkeiten Schäden an Katalysator und Endschalldämpfer anrichten!

Bei Wassergekühlten Motorrädern muss der Kühlwasserstand im Ausgleichsbehälter überprüft werden, ggf. Wasser nachfüllen. Dabei auch Schläuche und den Kühler selbst auf Undichtigkeiten überprüfen.

 

Die anderen Kreisläufe können dabei auch direkt gecheckt werden: Kraftstoffbehälter, deren Schläuche, Benzinhahn sowie Vergaser/Einspritzanlage auf Lecks untersuchen.

Bei älteren Motorrad-Modellen mit Vergasern kann es bei langen Standzeiten zu einer Verharzung des Benzines kommen, wenn man die Schwimmerkammern nicht geleert hat. Dies macht sich bemerkbar durch schlechte Starts oder unsauberem Leerlauf des Motors. Abhilfe verschaffen können hier diverse Kraftstoffsystemreiniger verschiedster Hersteller. Dies wird meistens einfach in den Tank zum Benzin hinzugegeben und lässt die Maschine einige Minuten durchlaufen. Hilft dies nicht, heißt es leider: Ausbauen und Grundreinigen.

Der Rest ist eigentlich nur noch kosmetisch und ist keinen Grenzen mehr gesetzt: Maschine waschen, Rost entfernen (mit Drahtbürste bürsten, Rostschutzfarbe grundieren und in Fahrzeugfarbe drüberlackieren), Chrom- und Aluminiumteile polieren, Gas- und Kupplungshebel auf Spiel einstellen, Schrauben auf festen Sitz kontrollieren, Schlösser mit Schließzylinderspray gängig machen…die Liste könnte man (fast) endlos weiterführen. Hierbei einfach nach Gefühl handhaben, wie viel Arbeit ihr letztendlich reinstecken wollt.

Nun das beste an dem Ganzen: die Probefahrt! Dabei der Maschine erstmal ein bisschen Zeit lassen und ihr 15-20 Minuten Wamlaufphase gönnen. Über die lange Standzeit kann sich nämlich Kondenswasser im Motor abgesetzt haben, welches sich erstmal wieder verflüchtigen muss. Außerdem sollte man sich nach so langer Pause sowieso erstmal wieder an seine Reflexe und Motorradsicherheit gewöhnen!

Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, stehe ich euch gerne zur Verfügung. Außerdem handelt es sich hierbei nur um allgemeine Vorgensweisen. Ich gebe keine Garantie auf Vollständigkeit oder absolute Richtigkeit. Im Zweifelsfall an eine Werkstatt des Vertrauens wenden!

Lorenz

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